Polesskaja, das Pferdchen der Polessje

In den Gebieten der Ukraine, Rowensk, Shitomsk, waldige Niederung am Fluß "Pripjat". Die Böden sind sandig, teilweise auch moorig und torfhaltig. Die Wiesen sind sumpfig und bilden 18 % der Bodenfläche. Der Boden ist von Gebüschen und Erdhügeln bedeckt, der Nährstoffgehalt des Bodens ist sehr niedrig, das Gras weitestgehend sauer und hat wenig Sättigungswirkung.

Im Altertum besiedelten slawische Stämme die Polessje. Das Pferd, das diese Stämme gezüchtet haben, gehörte zu den Waldtypen, wozu auch das Zhmudische (oder schmudische) Pferd zählt, das im Anschluß an das Polessje-Gebiet gezüchtet wird. Das Polessje-Pferd wurde lange Zeit hindurch unter knappsten Futterverhältnissen und bei extremer Nutzung gehalten, was zur Verringerung des Bestandes führte, aber gleichzeitig auch die Anpassungsfähigkeit, Robustheit und Zähigkeit dieser Rasse steigerte.

In der westlichen und östlichen Polessje wurde diese Rasse unterschiedlich gezüchtet. In der Ostpolessje wurden früher andere Rassen eingekreuzt, deshalb gibt es heute dort fast keine typischen Polessjes mehr, dafür haben andere Pferderassen die Gebiete erobert. Die dortigen Polesskajas sind größer und haben einen anderen Körperbau. Der Westteil der Polessje war durch Urwald, undurchdringliche Sümpfe, schlechte Wege nahezu unzugänglich. Deswegen konnten andere Pferderassen nur schwer in dieses Gebiet gelangen und damit auch keinerlei Einfluß auf die vorhandene Polesskaja-Pferdepopulation nehmen. Hier setzte sich der ursprünglichere Waldtyp durch. Das Polesskaja-Pferd ist ein kompaktes Rechteckpferd im Ponytyp. Charakteristisch ist eine gut entwickelte Rumpftiefe, ein breiter kräftiger Körperbau, relativ kurze Beine, ein kräftiger Rücken und trockene Sehnen und Gelenke. Das Stockmaß beträgt bei den typischen Polesskajas der Zentralpolessje ca. 132 - 133 cm, die Rumpflänge etwa 137 cm, der Brustumfang im Mittel 150 cm. Das Exterieur des Polesskaja-Pferdes kann man folgendermaßen beschreiben: mittelgroßer Kopf mit geradem Nasenprofil, öfter auch mit einer Wölbung in der Gegend der Nasenwurzel (Typisch für die Pferde im Norden der Polessje), der Hals hat eine mittlere Länge, der Widerrist ist gerade aufgestellt und eine verhälnismäßig breite und tiefe Brust. Die Brustknochen sind sieben bis neun cm niedriger als die Ellenbogen. Die Rippen sind rund und bilden einen großen Brustumfang. Das Schulterblatt ist mittellang und steil. Der Rücken ist lang und gerade, die Lende mittel, die Flanke kurz, rundlich und ost herunterhängend. Die Gliedmaßen sind trocken und fest. Der Huf ist von mittlerer Länge, das Hufhorn sehr stabil. Deshalb sieht man rissige Hufe nur selten. Zum Mangel der Gliedmaßen gehören: kuhhessige Stellungen (45,5 %), faßbeinige Stellungen (18,5 %) und säbelbeinige Stellungen (12,5 %), welche auf die zu frühe Nutzung junger Pferde für die Arbeit zurückzuführen ist. Die überwiegenden Farben des Polesskaja-Pferdes sind braun (38 %), Fuchs (20 %), Rappe (18 %), Mausgrau (9 %), Falbe (7 %), dunkel bis schwarzbraun mit weißen oder rötlichen Stichelhaaren (3 %), graue (2 %). Die Fruchtbarkeit dieser Pferde ist sehr hoch. Sehr oft bekommen Stuten im Alter von 26 - 28 Jahren noch Nachkommen. Es gibt viele Stuten, die 18 - 19 Fohlen in ihrem Leben gehabt haben. Die Mehrheit der Polesskajastuten gibt viel Milch. Deshalb wachsen die Fohlen sehr gut. Das Polesskaja-Pferd verfügt über eine gute Gesundheit und Ausdauer.

Bei den Polesskaja-Pferden unterscheidet man zwei Typen: 1) der massige Typ; hat im Durchschnitt eine breite und tiefe Brust und knochige kurze Beine. 2) der leichtere Typ: ist weniger kräftig, mit nicht so ausgeprägter Muskulatur und wurde deshalb auch weniger zur Arbeit genutzt. Zu diesem Unterschied zwischen den Typen kam es durch die Futterbedingungen: der erste Typ hat sich mit ausreichend und gutem Futter entwickelt, der zweite Typ mit geringem Futterangebot hat sich schlechter entwickeln können. Nach Überprüfung der Pferdezucht im Westgebiet Weißrußlands 1940 und im Westgebiet der Ukraine 1947 - 48 wurden die Materialien über die Ergebnisse der Kreuzungen des Polesskajas mit Arabern, vollblütiges Reitpferd, Gudbrandsdalern, russischem und sowjetischem Kaltblut gesammelt. Im Ternopolskoj-Gebiet wurden Polesskaja-Pferde mit Arabern gekreuzt, was für die Mehrzahl eine Verbesserung bedeutete: es entstanden kleine halbblütige und vollblütige Fohlen. Diese erreichten eine Widerristhöhe von etwa 144 cm - 145 cm, Rumpflänge etwa 141 cm - 142 cm, Brustumfang 161 - 162 cm und Röhrbeinumfang 18 - 19 cm. Der Größenuntershied der Polesskajafohlen und Polesskaja x Araber-Fohlen wurde nicht deutlich. Erst die ältere Polesskaja-Araber-Stute hatte ein höheres Stockmaß als ihre Mutter. Die Rumpflänge des Körpers war bei Polesskaja-Araber kleiner, als bei der Mutter und die Größenmerkmale waren ungefähr so, wie die Größenmerkmale beim vollblütigen Reitpferd. Das Polesskaja-Pferd sah mit Einkreuzungen von vollblütigen Reitpferden ansprechender aus. Das Stockmaß war höher, Größenmerkmale und Umfang von Brust und Röhrbein waren kleiner geworden. Bei dieser Art der Kreuzung hat man auch die Mängel beobachtet, die zum einen das nicht ausreichende Stockmaß und zum anderen die kuhhessige Stellung der Hinterbeine waren. Das war die Folge von mangelhaftem Futter, schlechter Haltung und zu früher Nutzung der jüngeren Pferde bei der Arbeit. Auch waren die vollblütigen Reitpferde nicht an das Klima, den Boden und die Futterbedingungen der Polessje angepaßt. Ein gutes Ergebnis (im Vergleich mit anderen Rassen) wurde mit der Kreuzung Polesskaja x Lastpferd erzielt. Diese Nachkommen wuchsen unter guten Bedingungen auf und erreichten dadurch einen kräftigen Körperbau und eine hohe Asrbeitsfähigkeit. Das bessere Ergebnis erzielte man jedoch mit der Kreuzung von Polesskaja-Stuten mit sowjetischen Kaltblütern. Nachkommen waren von mittlerer Größe und mit trockenem Körperbau ausgestattet.

Nadine Stern